Landeskirchliche Gemeinschaft Stralsund

Wüstenzeiten

Ein kleiner Impuls zum Nachdenken

Gedenke des ganzen Weges, den dich der HERR, dein Gott geleitet hat diese vierzig Jahre in der Wüste, auf dass er dich demütigte und versuchte, damit kundwürde, was in deinem Herzen wäre.

5.Mose 8,2
(Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung, revidiert 2017, © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

Das Volk Israel mit seinem Anführer Mose steht an der Schwelle zum verheißenen Land Kanaan. Die Wüste liegt hinter ihnen, das fruchtbare Land vor ihnen. Mose weiß, dass er dieses herrliche Land nicht betreten wird. Darum macht er einen Rückblick, gibt dem Volk einen Ausblick, indem er einen Nachfolger bestimmt, und erlebt selbst einen Rundblick, bevor Gott ihn in die Ewigkeit holt.

Gott weiß, wie vergesslich wir Menschen sind, auch sein Volk. Bevor sie nun dieses Land einnehmen, soll Mose ihnen eindringlich die Gebote einschärfen und sie ermahnen: zur Liebe, zum Gehorsam und zur Dankbarkeit gegen Gott. Vergiss nicht! Gedenke! Du brauchst das auf deinem weiteren Weg.

Vor vielen Jahren gab mir Gott dieses Wort auch ganz persönlich mit auf meinen Weg. Und es ist aktueller denn je. Nein, es sind keine 40 Jahre, sondern knapp 9 Jahre, die ich hier in Stralsund war. Und nein, es war keine Wüste, jedenfalls nicht äußerlich. Aber auch wenn man äußerlich an herrlichen Sandstränden am Wasser sitzt, kann man innerlich in der Wüste sein. Vielleicht kennt ihr das auch: Zeiten, wo das Wort Gottes nicht persönlich in die Lebenssituation hineinspricht. Ich lese darin und kaum habe ich die Bibel zugeklappt, weiß ich schon nicht mehr, was ich überhaupt gelesen habe. Ja, auch wir Hauptamtlichen, die wir täglich mit der Bibel zu tun haben, sind nicht davor gefeit.

Solche Wüstenzeiten sind ein göttliches Zuchtmittel. Hier soll ich erkennen, was in meinem Herzen ist. Der Herzensboden kommt dadurch zum Vorschein. Im vergangenen heißen Sommer kam so manches Flussbett zum Vorschein und es wurde freigelegt, was lange verborgen gewesen war. Wenn Gott dies mit meinem Herzen macht, entdecke ich mein eigenes egoistisches Wesen. Da kommt nur Müll ans Tageslicht.

Gut, wenn Gott uns demütigt und versucht. Es gibt Zeiten, wo mein Leben glatt läuft, alles wunderbar funktioniert, ich mit meinen Gaben alle Aufgaben erledigen kann und dabei glücklich und zufrieden bin. Wunderbar! Der Nachteil: ich brauche Gott nicht. Ich habe ja alles selbst im Griff. Da geschieht aber auch keine Veränderung meiner Wesensart und ich mache keine Erfahrungen im Glauben.

Darum freut euch, wenn nicht alles glatt läuft. Gott hat ein Interesse an jedem von uns und will uns in sein Bild verändern. Darum schickt er schwierige Zeiten, Wüstenzeiten. Das können auch Beziehungsprobleme sein, die mich herausfordern und so an meine Grenzen bringen, dass ich plötzlich nicht mehr die freundliche Person bin, die ich gerne sein möchte, sondern voller Ärger und angestauter Wut.

Wahrscheinlich haben viele von euch mitbekommen, wenn bei mir die „alte Eva“, mein egoistisches und ungeheiligtes Wesen durchkam. Dafür möchte ich um Vergebung bitten, wenn ich damit jemanden verletzt habe.

Von Herzen bin ich dem Herrn dankbar für diese Jahre hier im Norden. Es waren reich gefüllte Jahre. Danke für eure Geduld mit mir und meinen Macken. „Bitte sei geduldig mit mir! Gott ist mit mir noch nicht fertig!“ Dieses Motto steht zwar nicht auf meinem Schreibtisch, wie bei jenem Pastor, aber es trifft auch auf mich zu.

Meine nächste Station ist nach der Auflösung meiner Wohnung im Februar der Umzug nach Markgröningen, in meine Heimatstadt. Dort hat Gott mir eine sehr schöne Dachwohnung geschenkt, wo ich alle die schönen Erinnerungsstücke aus Stralsund und von der Ostsee unterbringen kann.

Meine Mutter wird meine Unterstützung immer mehr brauchen, auch wenn es ihr im Moment noch relativ gut geht. Außerdem kann ich mich bei den „Apis Evangelischer Gemeinschaftsverband Württemberg“ ehrenamtlich in unserem Bezirk einbringen. So wird es mir sicherlich nicht so schnell langweilig werden. Und falls ich dann urlaubsreif bin, weiß ich ja, wo es ein schönes Fleckchen Erde gibt, wo ich entspannen und auftanken kann.

Vielen herzlichen Dank für eure treue Begleitung, für alle Gebete, Unterstützung und aktive Mitarbeit. Ihr seid eine wunderbare Gemeinde und ich kann meinem Nachfolger Thomas Ulbrich nur gratulieren. Unterstützt ihn genauso wie mich!

Voller Dankbarkeit und auch mit Wehmut nehme ich bald Abschied von Stralsund und der Ostsee. Die treue Begleitung Gottes ist uns gewiss, hier wie dort, denn er führt sicher durch Wüstenzeiten. Von Herzen wünsche ich allen ein getrostes Gehen an Gottes Hand, egal ob durch saftige Wiesen oder durch Wüsten und die Freude daran, dass Gott gerade die schweren Zeiten auf sein Herz nimmt.

Eure/Ihre Predigerin Gertrud Kurrle